Ich glaub, wir sind dran vorbei gerannt, sage ich zu Ellen. Da vorn isses zu hell, da kann es nicht sein. Wir drehen um, gehen ein paar Meter zurück und biegen in die Hofeinfahrt. Es ist dunkel, kein Mensch weit und breit. Bei Nacht sind alle Backsteinhäuser grau. Ein Fahrrad steht im Fahrradständer. Ellen gesellt ihres dazu. Aus der Baracke gegenüber dröhnen dumpfe Gitarrenklänge. Wie die Motten nähern wir uns der einzigen Lichtquelle auf dem sonst im Tiefschlaf liegenden Hinterhof. Über drei brüchige Treppenstufen gelangen wir ins – ja was eigentlich - Foyer? Guck mal, das Dach fehlt, sagt Ellen. Zwischen Sand, Schutt und Holzresten lehnt ein Liegestuhl an der kahlen Mauer. Das ist dann wohl der Sommergarten. Wir steigen durch ein Loch in der Wand. Ein Abendkasse-Häuschen taucht unerwartet links neben uns auf. So eins, wo man durch eine Glasscheibe von der Kartenverkäuferin getrennt ist und das Geld durch eine kleine Öffnung am unteren Scheibenrand hin- und hergeschoben wird. Ich denke an den Bahnhofsschalter von früher. An eine lange, sich träge aber diszipliniert voran windende Menschenschlange, ihre Glieder geduldig ausharrend, der ein oder andere nervös auf die leise aber unbarmherzig tickende Bahnhofsuhr blickend, die Beine und Köpfe vor sich zählend, den Moment herbei sehnend, wenn auch er endlich von Angesicht zu Angesicht mit der Fahrkartenfachverkäuferin stehen würde, getrennt nur durch eine fünf Millimeter Schicht unsichtbaren wie zerbrechlichen Feststoffes.
Im Antje Oeklesund gibt an diesem Abend keine Warteschlange. Wir schieben die vier Euro durch den Schlitz und werden abgestempelt. Drei weitere bröcklige Treppenstufen und eine große Metalltür, die einen beim Öffnen auf die erste Stufe herunterzwingt später sind wir drin. Mittendrin. Das Ende meines Satzes geht im Sound der Gitarren unter. Es ist heiß und laut. Ich bin kurz überfordert. Scheiße, bist du weich geworden, denke ich. Und mir wird schmerzlich bewusst, dass ich eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr “aus“ war. Also so richtig. Musik und Rauch. Bier und Schweiß. Rock’n Roll. Ich schaue Ellen an und bin glücklich. Früher, als uns die 40-Stunden-Woche noch nicht in erbarmungsloser Regelmäßigkeit an Freitagabenden auf die heimischen Sofas zwang, waren wir oft zusammen weg. Und heute sind wir hier. Mit etwa 30 Gleichgesinnten stehen wir vor der kleinen Bühne und lauschen den Klängen von man behind tree. Solider Rock. Bodenständig, aber nicht langweilig. Ich hadere mit dem Klang der Stimme des Frontmanns. Der hat eine interessante Stimme, ruft Ellen mir ins Ohr. Ich weiß nicht, sage ich. Bar? fragt Ellen. Ich nicke. Wir folgen dem Wegweiser Richtung Cafeteria. Alte Bildschirme, ein Sessel hinter Gittern und Informationsschilder, die in ihrer Rhetorik an ehemalige innerdeutsche Grenzübergänge erinnern, säumen den Weg.
Während man behind tree ihren letzten Song spielen, lasse ich die location auf mich wirken. Prädikat: Abrissreif. Frei liegende Rohre und tausende verworrene Kabel schlängeln sich entlang des frei liegenden Mauerwerks, das man, wäre es Holz, getrost als morsch bezeichnen könnte. Aber Stein trägt. Solides Baumaterial. Ich stelle mir den braven Beamten vor, der seinen Stempel unter den Antrag auf Zwischennutzung (Formular 735 a) gesetzt hat. Ob der mal persönlich hier war? Ich muss innerlich grinsen angesichts des Bildes in meinem Kopf. Wat nen Schuppen, sagt Ellen. Und ich weiß: Sie liebt ihn. Und ich auch.
Wir setzen uns auf die großen, einst weißen Holzblöcke, die eine Tribüne formen. Der Laden füllt sich. Schräg gegenüber sitzt ein Pärchen. Anfang Vierzig würde ich tippen. Er trägt ein weißes Hemd, dazu eine braune Jacke und schwarze Ausgehschuhe. Auch seine Begleitung hat sich schick gemacht. Er legt den Arm zurückhaltend-zärtlich um sie, sie lächelt ihn verliebt an - zweites Date, ganz klar. Rechts vor uns weckt eine Frau mit langen dunklen Haaren, rot geschminkten Lippen und weißer Matrosenmütze meine Aufmerksamkeit. Ich stelle mir vor, wie sie heute Abend in ihrem Altbau-Schlafzimmer vor dem Kleiderschrank stand. Was zieh’ ich bloß an? Rock, schulterfreies Top und – klar, Matrosenmütze. Was sonst.
Als die zweite Band die Bühne betritt, ist der Raum randvoll. Hi, we are Trike from Canada. Er, großgewachsen, Popperfrisur, Glitzer im Gesicht, kariertes Sakko mit Schulterpolstern. Sie, lockiges Haar mit Seitenscheitel. Vielmehr weiß ich nicht – der Mann, der sich soeben aus den 80ern in dieses 2012er Abrisshaus gebeamt hat, hat meine ganze Aufmerksamkeit. Vor ihm stehen zwei Keyboards und mir schwant Schlimmes. Die Keyboarder sind doch irgendwie immer die Uncoolen. Dann geht’s los. Laptop und Tasteninstrument geben den Beat vor. Als er die ersten Töne ins Mikro raunt, will ich mit ihm zurück reisen in seine Welt. In seine Zeit. Stimme raten spielen mit ihm und Ian Curtis. Ok, das war...Ian. Falsch, Stephen war’s. Ok, nächster Versuch. Was sich in den nächsten 40 Minuten abspielt, ist eine Mischung aus Synthie-Pop und Tanztheater, aus 90er-Jahre-Techno und Riverdance, aus Pulp Fiction und Starlight Express. Joy Division meets 2 Unlimited. Ich will wild umher springen, mich hemmungslos betrinken und auf der Discokugel, die über unseren Köpfen aus dem Kabelsalat ragt in die Vergangenheit reisen. Ellen und ich sitzen auf unserem Block. Parkett links, gute Sicht. Die Freitagabende auf dem Sofa haben uns geprägt. Haben wir das Loslassen verlernt? Das Ausflippen? Trike geben nochmal alles auf der Bühne. Große Gefühle, dramatische Gesten und zum Schluss eine Polonaise durchs Publikum. Es ist großartig. Wir lachen uns schlapp. Und auf einmal ist alles perfekt. Die ranzige location, der halbnackte Glittermann auf der Bühne, die Keyboard Samples und Ellen und ich.
Am nächsten Morgen wache ich mit Kopfschmerzen auf. Scheiße, bin ich weich geworden, denke ich. Ellen und ich wollen jetzt wieder öfter weggehen. Musik und Rauch. Bier und Schweiß. Lose control.